Space Intruders. 2014.

Die Schleuse schließt sich hinter mir. Es kann nur besser werden. Ich renne wieder.

Aber wohin? Ich blicke nach rechts, nach links. Alle Gänge sind leer. Ich haste nach links. Nein, vielmehr: ich renne um mein Leben. Schaue nervös über meine Schulter. Der Motiontracker an meinem Handgelenk sagt mir die Luft ist rein. Gottseidank nächste Schleuse auf, geradeaus weiter einmal rechts einmal links. Durch die bereits trüben Fenster vernehme ich wenig Licht. Wir müssten längst irgendwo zwischen System PGI 4 und Alpha Centauri sein. Aber dann haben sie uns gefunden.

Abschnitt sieben. Ich weiß genau, wenn ich Abschnitt neun erreiche, bin ich vor diesen Wesen sicher. Der Motiontracker blinkt jetzt. Shit.

Einfach nur weiter, weiter diesen Gang entlang. Ich strauchele, sehe mich fluchend in Zeitlupe über das Übersehene fallen, mein Ausfallschritt rettet mich nicht, sondern schleudert mich die auch noch nach Jahren im All ungewohnt künstliche Schwerkraft rechts an die Bordwand.

Ich vernehme die gewohnte, mir so verhasste kalte mechanische Stimme, die gar nicht ahnt, welch grauenhafte Prophezeiung sie da eben von sich gibt. In diesem Moment beneide ich sie um ihr sauerstoffunabhängiges Dasein.

„Schleuse 8 wird in T minus 10 Sekunden geöffnet.“

Verdammte Scheiße! – neun – Los, steh auf!Mein Bein pocht – acht – ich raffe mich auf – sieben – etwas warmes an meinem Bein – sechs – hastend, schnaufend, in meinem Kopf pochend hallt monoton drohend die „fünf“ in mir, seltsam entfernt. – vier – Ich bleibe stehen, mein Motiontracker blinkt und vibriert. – drei – Ich setze mich auf das kalte Bodengitter, stülpe meine Gasmaske über und höre das dumpfe –  zwei – .

„ACHTUNG DEAKTIVIERUNG“schallt es in meinen Synapsen, als ich merke, wie die Funkwellen die Maske durchdringen und in mich wollen. Die Wesen holen mich ein. Panik steigt in mir hoch.

Schwarz.

Kaum merklich schiebt sich von oben eine Maske in mein Gesichtsfeld. Augenflackern wie sich müßig anschaltende Leuchtstoffröhren. Ich lebe. Gierig sauge ich den Sauerstoff ein. Der Raum, in dem ich mich befinde, bewegt sich. Oder bewege ich mich durch den Raum? Wie vorbeiziehende Fahrbahnstreifen, nur oben an der Decke. Nicht zu lesende oder identifizierbare Formen huschen über mich hinweg. Das ist nicht mein Schiff.

Ich werde bewegt. Aber mich selbst bewegen? Meine Hände und Beine bewegen sich nicht. Dann: Stillstand. Wo bin ich hier? Pure Panik in mir. In meinem Kopf gibt mir eine Stimme auf einmal das Gefühl, als ob sie direkt mit mir spricht. Nein, nicht mit mir – in mir. Keine klaren Worte. Aber: Warm. Wärmend. Angenehm. Etwas an meiner Schulter lässt mich ahnen, dass es von ihm oder ihr oder es stammt – jedenfalls von dem Wesen über mir auszugehen scheint. Ich versuche meinen Kopf zu drehen, was nicht funktioniert. Bin ich eingeklemmt? Nein, sie haben mich fixiert. Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass mir drei Wesen ihre volle Aufmerksamkeit schenken. Muskulös. Geschlechtslos. Glatt. Fließende Bewegungen. Sie wissen, was sie tun. Schnell ist klar: sie machen das nicht zum ersten Mal.

Ich kämpfe gegen die erneut aufsteigende Panik. Ich bin festgeschnallt und ausgeliefert.

Wieder diese innere fremde Stimme. Sie kommunizieren wortlos, in mir, mit mir: „Wehr dich nicht dagegen!“ Gleichzeitig wird meine Sauerstoffmaske entfernt. „Lass es geschehen!“ Oh Gott. Sie scheinen nicht zu wissen, dass ich Sauerstoff benötige.

Keine Luft. Stille. Wie lange halte ich das aus?

Kurz, bevor es zu spät ist, ist die Maske wieder auf meinem Gesicht. Meine Lungen entfalten sich freudig wie zum allerersten Atemzug meines Lebens. Unendliche Erleichterung durchfließt, nein, durchschießt meinen Körper zusammen mit dem einströmenden Sauerstoff. Bis in jede einzelne Pore. Dann ist mein Gesicht wieder nackt. Wieder diese wahnsinnige Stille. Jetzt ist mir klar: sie wissen natürlich genau, was sie tun.

Todesangst und Glückseligkeit geben sich im wellenförmigen unendlichen Ozean der Gefühle grinsend die Hand.

Ein Wesen legt lediglich seine Hand auf mein Gesicht. Ich kann atmen. Als sich mein Brustkorb das nächste Mal hebt, durchfließt mich zusammen mit der Atemluft jetzt ein weiteres Gefühl. Mich durchdringt eine unendliche Leichtigkeit, ich schwebe. Mit jedem Atemzug werde ich leichter, gleichzeitig ist mein Körper fest umschlossen von dieser entschlossenen Berührung, die ich überall gleichzeitig spüre.

Muss mich dagegen wehren.
Es ist alles so leicht.
Muss zurück zum Schiff.
Eine Welle der Freude holt mich ein und überspült mich.
Muss meine Crew retten.
Jede Faser meines Körpers glitzert hell im unendlichen Dunkel des Alls.
Muss…
Meine Sinne explodieren.

Unendlich schön.

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